• 8. Dezember 2019

Des einen Freud – des anderen Leid

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Des einen Freud – des anderen Leid 1024 683 HARASS

Radball

Für das i-Tüpfcheln hat es leider nicht gereicht. Für die Schweiz, Gastgeber der Hallenradsport-WM 2019 in Basel, gab es am letzten Tag keine erhoffte Medaille. Aussichtsreichste Kandidaten waren die beiden Radballer Severin und Benjamin Waibel. Die Vize-Europameister von 2018 aus Pfungen setzten sich am Vormittag in der Zwischenrunde gegen Tschechien nach einem packenden Fight am Ende glücklich mit 4:3 durch. Im Halbfinale unterlagen sie dann fast erwartungsgemäß gegen die mehrfachen Weltmeister aus Österreich, Patrick Schnetzer und Markus Bröll (Höchst).

Im Match um Rang drei ging es dann wieder gegen die Tschechen, die sich über das Lucky-Loser-Duell gegen Belgien in die Medaillenrunde gespielt hatten. Doch dieses Mal erwischten Waibel/Waibel einen klassischen Fehlstart, gerieten bis zur Pause mit 0:3 in Rückstand. Am Ende stand eine bittere 0:6-Pleite für die Schweizer zu Buche. Für die Tschechen Jiří Hrdlička (46) und Pavel Loskot (41) war es indes die erste gemeinsame Medaille. Und Hrdlička machte damit nach zweimal Gold(2003 und 2008) und zweimal Silber (2005, 2006) seinen WM-Medaillensatz komplett.

Im Finale gab es zum dritten Mal in Folge das Duell Österreich gegen Deutschland – mit der selben Besetzung. Die Titelverteidiger Patrick Schnetzer und Markus Bröll gegen die deutschen Herausforderer Bernd und Gerhard Mlady (Stein). Hier nahmen die amtierenden Champions Revanche zur Vorrunden-Niederlage. Mit 8:6 sicherten sich Schnetzer/Bröll ihren sechsten gemeinsamen WM-Titel.

„Im Vergleich zum Qualifikationsmatch waren wir mental einfach besser eingestellt. Wir wussten, jetzt geht es um den Titel, da haben wir wirklich alles gegeben“, sagte Feldspieler Markus Bröll. Für ihn war es die letzte WM. „Mit dem Wettkampfsport höre ich nach dem UCI-Weltcupfinale in ein paar Wochen auf“, bestätigte der 32-Jährige. Mehr Zeit für Familie und Freunde. „Mal nicht eine Geburtstagsfeier absagen, weil man Training oder einen Wettkampf hat“, freut er sich auf mehr Zeit dafür.

Schnetzer wird indes mit neuem Spielpartner weiter machen und will selbstverständlich bei der nächsten WM wieder dabei sein. Ebenso wie die Cousins Bernd und Gerhard Mlady. „Natürlich sind wir enttäuscht, dass wir im Finale verloren haben“, meinte Bernd Mlady. „Aber die Duelle gegen Österreich sind immer auf einen so hohen und ausgeglichenen Niveau, was man auch wieder an den vielen Toren sah.“ Es seien Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. „Und die WM 2020 in Stuttgart haben wir auf jeden Fall im Visier“, so Gerdhard Mlady.

In der A-Gruppe wird es im kommenden Jahr keine Veränderung geben. Denn Frankreich (Quentin Seyfried / Mathias Seyfried) behielten im Relegationsspiel gegen den nunmehr dreimaligen B-Gruppensieger Liechtenstein (Markus Schönenberger / Lukas Schönenberger) erneut die Oberhand und sicherten sich mit 6:3 den Klassenerhalt.

2er Frauen

Dem jungen Schweizer Duo Nadine Zuberbühler und Jeannine Graf ist an der diesjährigen WM eine super WM-Premiere gelungen. Im Finale haben sie nochmal alles gegeben und wurden dafür belohnt. Mit 113.09 pulverisierten sie ihre persönliche Bestleistung vom gestrigen Tag und setzten die Latte noch etwas höher. Die Lokamatadorinnen, die aus Amriswil stammen und im letzten Jahr Junioren-Schweizermeisterinnen und Dritte an der Junioren EM wurden, klassifizierten sich damit auf Rang 4.

Einen dramatischen Moment gab es im Zweier Frauen. Die top gesetzten Caroline Wurth und Sophie-Marie Nattmann (Gutach/Deutschland) waren im Final4 als letztes Paar auf der Wettkampffläche. Vom live angezeigten Punktwert lagen sie bis kurz vor Schluss auf Titelkurs. „Aber wir wussten schon vor der letzten Passage, dass es sehr eng werden würde, alle Übungen in die Zeit zu bekommen“, resümierte Unterfrau Sophie-Marie.

Denn den Reitsitz/Handstand auf einem Rad hatte ihre Partnerin kurz zuvor zweimal ansetzen müssen, ehe sie diesen perfekt zeigte. „Das hat uns sehr viel Zeit gekostet“, bestätigte Caroline.

Deswegen machte Sophie bei den Trageübungen, die auf dem Hinterrad gefahren werden, Druck. „Zudem hatte ich vor dem letzten Übergang im Lenkersitzsteiger zu kämpfen und nicht meine normale Sitzposition. Das ging dann eben schief.“

Das Punktekonto schmolz auf 129,43 Zähler zusammen. Immerhin reichte es noch zu Platz zwei, wie schon im Vorjahr vor den Österreicherinnen Rosa Kopf und Svenja Bachmann. Die U19-Fahrerinnen hatten 125,53 Punkte erzielt und sich damit ebenfalls zum zweiten Mal Bronze gesichert.

Nach einer fehlerfreien Darbietung ging das UCI-Regenbogentrikot an die Titelverteidigerinnen Lena und Lisa Bringsken (Böhl-Iggelheim/GER) – die zudem drei WM-Silbermedaillen ihr eigen nennen dürfen. „Es ist im Finale wirklich perfekt gelaufen“, waren sich die Schwestern einig. Der Lohn: Saisonbestleistung von 142,64 Punkten und zum zweiten Mal Platz eins.

1er Herren

Es war ein deutsches Phänomen bei dieser Weltmeisterschaft. Alle Kunstradfahrer zeigten in der Vorrunde keine perfekten Vorträge – um dann im Finale das Publikum mit Glanzdarbietungen zu verzaubern.

So auch die Einer Männer. Lukas Kohl (23), seit seinem ersten WM-Titel 2016 ungeschlagen, stand bei seinem Qualifikationslauf völlig überraschend nach einer Passage auf dem Boden. Sein Resultat von 204 dennoch Weltklasse und für die Konkurrent nicht zu toppen. Und im Final-4 setzte der nunmehr vierfache Champion einen drauf, blieb nun ohne nennenswerte Fehler und dominierte diesen Wettbewerb mit 208,89 Punkten. „Das war Teamgeist“, scherzte Kohl in der Pressekonferenz, angesprochen auf das kollektive schwächere Vorrundenabschneiden seiner Kunstradkollegen.

Sein Landsmann Marcel Jüngling hatte in der Vorrunde sogar nur Rang drei belegt, weil er nur mäßig durch seine Kür kam. Aber auch er fand im Finale vor rund 2.500 Zuschauern einen perfekten Saisonabschluss. Mit 192,98 Zählern sicherte er sich bei seiner WM-Premiere die Silbermedaille.

Bronze ging an den Routinier des Final-4: Chin To Wong aus Hongkong. Der 26-Jährige hatte in der Vorrunde einen neuen Asienrekord erzielt und bestätigte diese gute Leistung in der Medailenrunde mit 176,22 Zählern. Damit fuhr er seine bereits sechste Bronzemedaille ein.

Ebenso sehr stolz war Martin Schön aus Ungarn. Als erster Sportler seines Landes schaffte er den Sprung ins Final-4. Zwei fünfte Plätze waren bisher seine besten Ergebnisse. Jetzt sicherte sich mit 168 Punkten die Qualifikation und belegte in der Endabrechnung Rang vier.

Als zweiter Schweizer trat Lukas Burri bei den 1er Herren an. Er war gezwungen, zu Beginn der Kür abzusteigen. Er fand jedoch wieder den Rhythmus und konnte seine Darbietung ohne grössere Zwischenfälle beenden. Er erreichte eine Punktzahl von 162.73 und belegt damit den fünften Rang. Zu viele Fehler und Unsicherheiten schlichen sich bei dem Bronzemedaillen-Gewinner im Pair Open ein. Er musste sich letztlich mit Rang fünf begnügen.

Stefan Thomé
Sportjournalist

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